Qualitätsjournalismus

In letzter Zeit werden viele Diskussionen über die Qualität des Online-Journalismus geführt. Privat und auf der Arbeit muss ich mich der Frage stellen lassen, für welche Zielgruppe unsere Themen aufbereitet werden. Klickshows sind und bleiben in neun von zehn Fällen dümmlich und sind nur aus einem Zweck gemacht: damit der Nutzer klickt. Doch das ist heute gar nicht einmal das Thema, sondern die Beiträge selbst.

Vor einigen Tagen saß ein angehender Kollege staunend vor dem Bildschirm und fragte, ob wir die Meldungen aus dem Newsticker nicht mehr gegenrecherchieren. Und die Überraschung war groß, als wir das im Falle vieler Korrespondentenberichte schlicht verneinten. Online bleibt einfach keine Zeit um groß Geschichten zu schreiben, denn so ziemlich jedes namhafte Medium ballert die Texte inzwischen mit minimaler Bearbeitung auf dieselbe Weise auf die Seiten. Was zählt ist Geschwindigkeit und sonst nichts.

Für dieses schnelle Umschreiben und Veröffentlichen stehen wir Onliner immer wieder in der Kritik. Mangelnde Sorgfaltspflicht, fehlende Gegenrecherche, zu wenig Tiefe. An der Kritik gibt es kaum etwas auszusetzen; allerdings frage ich mich in den vergangenen Tagen immer wieder warum sie erst jetzt einsetzt. Denn im Radio wird diese Praxis bereits seit einigen Jahren gefahren und keinen stört es. Gelesen werden die Nachrichten, wie sie in der Agentur erscheinen und korrigiert wird gegebenenfalls später.

Niemand würde sich jedoch erdreisten, den vielen Radiosendern dieselben Vorwürfe zu machen wie uns Textern. Aber warum? Sobald eine Geschichte im Radio kommt, suchen die Leute auch im Internet danach. Was sollen wir also schon groß machen, als die Geschichte schnell online zu bringen? Und welche Möglichkeiten bleiben uns dabei, Texte lebendig und informativ zu gestalten? Selbst das Einholen eines Zitats ist – wenn die Meldung draußen ist – innerhalb von 30 Minuten eine sportliche Angelegenheit.

Wer guten Journalismus haben will, muss also Zeit mit bringen. Zeit, die bei den meisten Menschen nicht mehr vorhanden ist. Denn wer will schon abends um sechs eine Geschichte lesen, die bei der Konkurrenz bereits morgens um zehn erschienen ist? Niemand, denn wie ich während meines Studiums in mehreren Umfragen schmerzlich erfahren musste, ist Aktualität für den Leser das wichtigste Kriterium.

Der Journalismus wird sich deshalb verändern müssen. Und auch der Leser muss seine Gewohnheiten anpassen. Wer bei den Massenmedien liest, darf die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Und er wird sich daran gewöhnen müssen dieselbe Geschichte zweimal zu besuchen. Einmal nach Bekanntwerden der Meldung und ein zweites Mal am Abend, wenn die Geschichte eigentlich fertig ist. Schade eigentlich, denn neben den Lesern machen ordentliche Geschichten auch den meisten Textern mehr Spaß.

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