Der Unterschied zwischen Stil und Style

Als ich im Februar 2010 zum ersten Mal Männer gesehen habe, die sich in völlig bescheuerter Aufmachung so sicher durch die Gegend bewegten, als wären sie in Boss oder Armani gekleidet, schwante mir Böses. Denn zu diesem Zeitpunkt befand ich mich in Stockholm und nicht selten sind in der schwedischen Hauptstadt Trends zu sehen, die erst später in Deutschland ankommen. Und so kam es dann auch. Im Herbst vergangen Jahres war es soweit: auf einem Open Air liefen mir Horden von Menschen entgegen, die auf denselben Zug aufgesprungen waren. Die 80er waren zurück. Und zusammen mit ihnen fielen Hipster, Dickheads und andere uniformierte in meine schöne Techno-Welt ein.

Inzwischen hat sich eine Art Mittelding zwischen allen Gruppen herausgebildet, die es sich offenbar zum Ziel gesetzt hat nur die schlechtesten Attribute auf sich zu vereinen. Mädels in Leggins, Schlafanzughosen und Schulterpolstern. Dazu Jungs mit Oberlippenbart, knallengen Röhrenjeans, miesen Sackos und noch mieseren Frisuren. Und dann erst die Schuhe. Die guten, alten Sneaker wurden gegen Modelle ausgetauscht, die ich normalerweise im Schuhschrank meiner Mutter erwarten würde. Stopp!  Wohl eher im Schuhschrank meiner Großmutter. In einem Satz zusammengefasst lässt sich die Mode ungefähr so beschreiben: die Leute sehen scheiße aus, und dass mit voller Absicht. Wer sich selbst ein Bild verschaffen möchte, schaut einfach mal hier rein.

Mit den Klamotten alleine ist es leider noch nicht getan, denn die neue Spezies zeichnet sich noch durch ein weiteres Attribut aus: die Masse. Es laufen nicht einige so durch die Gegend, sondern viele. Richtig viele. Genau genommen zu viele. Die Leggins-Fraktion erinnert inzwischen stark an den Happy-Raver, oder auch Karstadt-Raver, der (gottseidank) irgendwann Ende der 90er ausgestorben ist. Erkennungszeichen: Extrem-Schlaghose, Igelfrisur und Leuchtstäbchen. Die Leuchtstäbchen konnte man wahlweise durch weiße Handschuhe, Trillerpfeifen oder anderen Firlefanz ersetzen, den diese Flachpfeifen damals mit sich herum geschleppt haben. Uniformierte, die meinen ihre Zugehörigkeit zur Szene über ihre Kleidung ausdrücken zu müssen.

Während der letzten 15 Jahre gab es immer einmal wieder solche Gruppen, aber seit den Igel-Frisuren war keine so penetrant wie diese. Gruppenzwang vom Feinsten, denn die Normalos in Jeans und T-Shirt sind in der Unterzahl. Und genau das hat Techno eigentlich auch nie gebraucht. Der Typ im Anzug stand neben dem Typ im T-Shirt und alle haben getanzt. Wer sich wie anzieht, ist eigentlich egal und gerade die Vielfalt an völlig normalen und völlig schrägen Vögeln macht Techno und die vielen Open Airs eigentlich erst so interessant. Und deshalb habe ich keine Lust auf Veranstaltungen, auf denen die Anwesenden alle in Schwarz, alle in Baggy Pants oder alle im Anzug auftauchen. Wer eine Uniform tragen muss, um sich mit etwas zu identifizieren, hat in meinen Augen etwas falsch gemacht.

Was bleibt, ist die Hoffnung. Die Hoffnung, dass dieser Trend genauso schnell in der Versenkung verschwindet, wie er aufgetaucht ist. Denn auch das war bisher immer der Fall und meistens verschwinden dann auch die Leute. All die hippen, coolen Styler, die zum abfeiern zwar drei Whiskey-Cola in dreißig Minuten abkippen können, von Techno aber so viel Ahnung haben wie ich von chinesischen Kochrezepten. Für euch habe ich nur eine Botschaft: haut ab und nehmt eure beknackte Uniform gleich mit. In diesem Sinne: bis zum nächsten Mal, oder besser gesagt bis zum nächsten Hype. Ich bleibe solange bei Jeans und Turnschuhen – und vor allem der Musik treu. Und nicht vergessen, den neuesten Style könnt ihr euch kaufen, echten Stil nicht. Den hat man, oder eben nicht.

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