Bittersüßer Sieg

Über Zaunfahnen könnte ich einen Roman schreiben. Vielleicht auch ein Sachbuch, in jedem Fall aber mehr als die Sportpresse nach dem Derby gegen die Eintracht zustande gebracht hat. Denn was am Sonntag in der zweiten Minute der Nachspielzeit ablief war mehr als das bloße Abfackeln erbeuteter Zaunfahnen. Die Frankfurter Ultras – oder wer auch immer dafür verantwortlich zeichnet – haben eine Grenze überschritten, und damit ist nicht der längst vergessene Einbruch in den Fancontainer der Darmstädter Szene gemeint, sondern die Zerstörung des Banners aus Dieburg. Dieses Transparent in Flammen aufgehen zu sehen war ein Stich ins Herz, der nicht vergessen wird.

Um die Geschichte in Gänze zu begreifen, muss man die Bedeutung einer Fahne für die eigene Gruppe verstehen. So eine Fahne malt man nicht einfach jede Woche, sondern meist nur einmal und dann auch mit bedacht. Einmal erstellt, wird dieser Fetzen Stoff gehütet wie ein Staatsheiligtum. Ähnlich wie die geweihten Fahnen der Ritter im Mittelalter ist ein Verlust des Banner für viele Gruppen gleichbedeutend mit einem Verlust der Ehre. Nicht selten folgt in einem solchen Fall die umgehende Auflösung. Fremde Fahnen zu erbeuten ist deshalb vor allem unter Ultras seit Jahren Gang und Gäbe, wobei es auch hier bestimmte Regeln gibt. Fahnen können ehrenhaft und unehrenhaft erbeutet werden, wobei Einbrüche – auf die wir später noch einmal zu sprechen kommen – eigentlich in letztere Kategorie fallen.

Erbeutet werden gegnerische Fahnen auf ganz unterschiedlichen Wegen, wobei tatsächliche Übergriffe nur einen Teil ausmachen.  Da gibt es gewagte Aktionen vor dem Auswärtsblock der Gegner, unachtsame Momente bei Auswärtsfahrten oder schlicht im Suff liegen gelassene Banner (Bahnfahrten über sechs Stunden lassen grüßen…). Dazu kommen natürlich teils minutiös geplante An- und Übergriffe auf verfeindete Gruppen, sowie Einbrüche und Überfälle, die sich bereits seit langem nicht mehr auf das direkte Stadionumfeld beschränken. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir während der letzten Jahre hier vor allem ein Bericht aus Bochum, der deutlich macht wie ernst das Thema unter Hardcore-Fans ist. Gekämpft wird bis aufs Blut und nicht erst seit letztem Sonntag werden die Beutestücke solcher Raubzüge bei der nächsten Gelegenheit dem Gegner präsentiert. Zerstört werden sie dabei nicht immer, aber die Aktion der Eintracht war nicht die erste und nicht die letzte ihrer Art.

Im November 2006 gelang es Schalker Ultras unter bis heute ungeklärten Umständen ein rund 60 Meter langes Banner mit der Aufschrift „Gelbe Wand Südtribüne Dortmund“ aus dem Signal Iduna Park zu stehlen, das drei Jahre später im Rahmen eines Derbys in zerschnittenem Zustand präsentiert wurde und seitdem immer wieder Anlass für Provokationen ist. Ebenfalls bei einem Derby zerschnitten wurde eine Zaunfahne der Fans von Bayern München. Das Transparent mit der Aufschrift „Südkurve – Herz und Seele unseres Vereins“ wurde von der Nürnberger Szene beim Heimspiel gegen die Bayern in der Saison 2013/2014 erst gezeigt und dann öffentlichkeitswirksam zerstört. Und obwohl beide Aktionen live auf Sky zu verfolgen waren, blieb das große Medienecho genauso aus wie bei der Partie Hansa Rostock gegen MSV Duisburg im Herbst 2013. Hier zeigten die Fans der Kogge erst ein erbeutetes Banner von „Inferno Duisburg“, um dieses danach unter massivem Einsatz von Pyrotechnik zu verbrennen.

So könnte ich nun die ganze Nacht weitermachen und am Ende vielleicht wirklich mein Sachbuch veröffentlichen, was jedoch gar nicht mein Ziel ist. Es geht mir ums Prinzip und die Einordnung der Geschehnisse vom Sonntag. Dass die Frankfurter Ultras unsere Fahnen verbrannt haben, ist aus meiner Perspektive durchaus nachvollziehbar, wenn auch an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Wer seinen Gegner demütigen will, hisst die erbeuteten Banner und holt sie danach wieder ein. Die Schmach ist so viel größer und die Gegenseite muss im vollen Bewusstsein des Verlustes viel länger leiden. Für mich gehört das zu einem Derby dazu und bis zu einem gewissen Punkt kann ich deshalb auch die Aussage von Eintracht-Präsident Peter Fischer nachvollziehen. Der hatte die Aktion am Sonntag kleingeredet, litt dabei jedoch ganz offensichtlich an einem Realitätsverlust höchster Güte.

Die gezeigten Banner waren nämlich mitnichten „irgendwo gekauft“, sondern samt und sonders im Rahmen von Aktionen der Frankfurter Szene erbeutet. Zaunfahnen, wie die der Ultras Darmstadt, kauft man nicht eben mal bei fliegenden Händler auf der Straße. Vielmehr wurde der überwiegende Teil des zerstörten Materials vor Jahren bei einem Einbruch am Böllenfalltor entwendet. Weitere Zaunfahnen sind den Darmstädtern bei der Aufstiegsfeier im Mai dieses Jahres abhanden gekommen, als sich Anhänger der Eintracht den Siegestaumel der Darmstädter Fans zunutze machten. Vor dieser Aktion hätte ich – wie damals beim Einschmuggeln des Hurensöhne-Banners in die Choreo der Mainzer – vielleicht sogar den Hut gezogen. Ganz außen am Zaun hing jedoch das Banner mit dem Schriftzug „Dieburg“, das ebenfalls in Flammen aufging.

Gestohlen wurde diese Fahne, die über Jahrzehnte das Bild der Heimspiele am Bölle prägte, bei einem feigen Überfall auf den Bannerträger vor dessen Wohnung in Dieburg, wofür ich bis heute keine Worte finde. Angriffe und Aktionen verfeindeter Ultra-Gruppen und Hools sind eine Sache, stehen sich doch auf beiden Seiten Kontrahenten gegenüber, die ein solches Verhalten mindestens dulden, wenn nicht sogar billigend in Kauf nehmen. Die Grenze ist und war jedoch schon immer der „normale Fan“, das Leben abseits des Fußballs. Mit diesem Überfall wurde eine Grenze überschritten und wie viele andere stelle ich mir die Frage, was als nächstes kommt. Der Arbeitsplatz? Die Familienfeier? Versteht mich bitte nicht falsch: wer mit der Zaunfahne unterm Arm vor dem gegnerischen Heimbereich spazieren geht, hat es in meinen Augen nicht besser verdient, aber ein Überfall vor der eigenen Haustür? Nicht in meiner Welt.

Mit der Zerstörung dieser Fahne haben sich die Frankfurter Ultras – und ich sage bewusst nicht die Frankfurter Szene – in meinen Augen selbst diskreditiert. Wäre eine solche Aktion in Darmstadt gelaufen und bekannt geworden, man hätte die Verantwortlichen wahrscheinlich aus dem Block gejagt und die Fahne aus einer solchen Aktion ausgeklammert. Vielleicht wäre sie sogar an die Besitzer zurückgegangen, wobei ich dafür nicht meine Hand ins Feuer legen würde. Zwei Dinge sind jedoch sicher: solche Aktionen schaden der Frankfurter Szene mehr, als sie die Darmstädter treffen. Dazu sind sie einfach stillos. Den für die Aktion Verantwortlichen gebe ich deshalb die Worte unseres Schänkenwirts Roger Menzer mit auf den Weg: „Der Adler gilt oft als majestätisch, wirklich königlich war schon in der Geschichte aber immer nur die Lilie!“ Verbrennt also ruhig weiter unsere Banner, überfallt feige unsere Leute und macht den kleinen Kindern  mit euren Plakaten Angst. Solange ihr weiter im eigenen Stadion und in der Rückrunde am Bölle gegen uns verliert soll es mir egal sein. Wir malen euch zum Empfang einfach ein paar neue. Zum Beispiel eins mit „Derbysieger“ 😉

tldr; Das Abbrennen der Darmstädter Zaunfahnen durch die Ultras Frankfurt hat viel mehr Aufmerksamkeit bekommen als notwendig. Die Aktion wäre eher peinlich als schlimm, hätten die Frankfurter nicht ein bestimmtes Banner verbrannt

Lesestoff

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