Aus Tradition angepasst

Ich weiß nicht recht, wie ich diesen Beitrag beginnen soll. Mit einem nüchternen Blick auf die letzten 20 Jahre, mit einem Erklärungsversuch, oder einem Wutanfall. Wut auf den Verein, den ich bis in die untersten Ligen begleitet habe. Meinen 98ern, denen ich trotz aller Personalien im Kader, Trainerteam und Vorstand die Treue gehalten habe. Ein Verein, zu dem ich langsam aber sicher die Bindung verliere. Und zwar aus dem Grund, wie er seine Fans behandelt. Wie er mich behandelt. Als 08/15-Kunden, und nicht als Investition in die Zukunft.

Die E-Mail der Geschäftstelle erreicht mich am Dienstagabend des 1. Novembers 2016. Es ist 18:08 Uhr. Heute geht es nicht einfach um News, sondern um die Zukunft. Der Inhalt des Schreibens ist die Information, dass mein bisheriger Stehplatz in der Nordkurve durch den Bau einer mobilen Stahlrohrtribüne in einen Sitzplatz umgewandelt wird. Die Maßnahme selbst wird bereits zum nächsten Heimspiel gegen Ingolstadt (19.11.2016) vollständig umgesetzt sein. Möchte ich Heimspiele der 98er weiterhin in diesem Bereich des Stadions verfolgen, habe ich die Berechtigung meine Karte ab Donnerstag, den 3.11.2016, ab Öffnung des Ticketshops (12 Uhr) für den Preis von 220 Euro aufzuwerten. Nehme ich das Angebot nicht wahr, kann ich Spiele zukünftig auf der gegenüberliegenden Seite im Block S2 schauen. Soweit zu den Fakten, die zumindest grundlegend (Umwandlung in Sitzplätze) im Vorfeld bekannt waren.

Im Klartext bedeutet die Mail für mich, dass etwas mehr als 36 Stunden Zeit bleiben, um mit Familie und Freunden aus der Kurve elementare Dinge zu klären. Machen wir die Aktion mit, oder ziehen wir um? Keine einfache Frage, denn zweihundertzwanzig Euro sind eine Stange Geld.  220 Euro, das ist ein Aufschlag von über 100 Prozent auf zukünftig 435 Euro pro Saison (Mitglieder). 220 Euro pro Karte, das ist für viele so kurzfristig ein verdammt hoher Preis. Für einige sogar zu viel. Mit einem Aufschlag haben wir zwar gerechnet, aber nicht in diesem Umfang. Ein echter Schlag ins Gesicht ist dabei der Umstand, dass der Verein die Kalkulation der Preise bereits seit Wochen im Schreibtisch haben muss. Denn ein solches Vorhaben realisiert man nicht ohne entsprechenden Business Case. Und falls doch, dann gute Nacht Marie! Als Fan stelle ich mir sogar ernsthaft die Frage, ob man durch die späte Bekanntgabe am Tag nach der Mitgliederversammlung unliebsamen Diskussionen aus dem Weg gehen wollte. Der gewählte Termine spricht in meinen Augen Bände.

Teures Vergnügen

Was die Preise selbst angeht, liegt das zukünftige Niveau für die Sitzplätze auf der Stahlrohrtribüne gerade einmal 13 Euro unter dem des A-Blocks, der durch seine Bauart wenigstens ein bisschen windgeschützt ist. Oder anders gesagt: im Winter wird es auf einer Stahlrohrtribüne arschkalt. Dafür ähnliche Preise zu zahlen, wie auf der Haupttribüne, ist ein starkes Stück, zumal bereits fünf der 17 Heimspiele der aktuellen Saison gelaufen sind. Für mich ist der Aufschlag deshalb insgesamt zu hoch, für die laufende Spielzeit Wucher. Zudem stößt mir das Gesamtkonzept sauer auf. Vom selbst gesetzten Motto „Aus Tradition anders“ sind wir subjektiv nämlich meilenweit entfernt. Zum einen zerstören Preise und Konzept (später mehr) das soziale Gefüge der Kurve. Zum anderen sehen auch viele Bestandsinhaber alt aus, die sich den neuen Sitzplatz leisten können. Zumindest wenn sie mit Anhang ohne eigene Dauerkarte unterwegs sind.

Verkauft wird auf der neuen Nordtribüne nämlich kein offenes Konzept mit freier Platzwahl, wie es im Block 1898 (F) jahrelang gelebt wurde, sondern feste Plätze – der Todesstoß für Gruppen mit einem Mix aus Dauerkarten und Tageskartenkontingent. Bei uns ist das mit dem Mix der Fall. Zusätzlich zu unseren zwei Dauerkarten haben wir immer mindestens eine Zusatzkarte für Eltern und Schwiegereltern besorgt, waren mindestens zu dritt unterwegs. Über den offiziellen VVK und die Ticketbörse war das nie ein Problem. Mit festen Sitzplätzen funktioniert das aber nicht mehr. Zumindest nicht als Familien-Ausflug, dessen gemeinsames Erlebnis am Eingang der neu geschaffenen Sektoren N1 bis N? endet. Hier wird – so meine Vermutung – zukünftig wie in der Südkurve zwischen Dauer- und Tageskarten unterschieden (Pläne, PDFs und Infos stand 8.11.2016 Fehlanzeige). Exakte Infos über die Tribüne liegen bis heute nicht vor. Da Fußball für mich aber immer auch Gespräche über das Geschehen auf dem Platz bedeuten, kommt als Alternativlösung für ein Familienevent eigentlich nur der Steher mit freier Platzwahl in Frage. Die Betonung liegt auf „eigentlich“, denn praktisch funktioniert das nur eingeschränkt.

Unfaire Bedingungen

Der Tausch der vorhandenen Dauerkarten wird nämlich vom Verein limitiert. Während Inhaber aus Gegengerade, Nord- und Südkurve eine Aufwertung ihrer Tickets durchführen können, ist der umgekehrte Weg vorerst eingeschränkt. Wer den Preis nicht zahlen kann oder will, darf im Gegenzug nur in den neuen Block S2 wechseln. Der hat – hier wird der Verein übrigens nicht müde sein „kostenloses“ Upgrade zu bewerben – zwar ein Dach, war bei den ersten beiden Heimspielen aber völlig überfüllt. Mir ist ein Fall bekannt, bei dem der Zutritt in den S-Block nach Verlassen für eine Pinkelpause aufgrund „Überfüllung“ nicht mehr gewährt wurde. Zudem liegt S2 direkt neben dem neuen Fanblock. Oder anders gesagt: genau neben den Ultras mit ihrem Megafon und dem Dauersingsang, der eben nicht jedem Stadionbesucher liegt. Ich habe also keine freie Wahl, wie es die Wechselwilligen in den anderen Bereichen haben,  sondern werde in einen Bereich verschoben, der mir aufdiktiert wird. Das empfinde ich als hochgradig ungerecht, auch wenn der Verein für den Winter mögliche Tauschgeschäfte für Wechselwillige angekündigt hat. Die Winterpause ist mir viel zu spät!

Wenn Zuschauer jetzt aus der Gegengerade in die Nordkurve dürfen, müssen auch Zuschauer aus der Nord sofort in diesen Bereich tauschen können. In meinen Hirnwindungen ist das durchaus eine lösbare Aufgabe. Zum Beispiel durch eine Abwägung von Angebot und Nachfrage. Übersteigt die Nachfrage das Angebot, muss eben gelost werden. Und so, wie sich Gruppen zur gemeinsam Wahl ihrer neuen Sitzplätze für die Nordkurve am Stadion einfinden müssen, wäre es durchaus möglich gewesen auch Gruppen für ein Losverfahren zu bilden. Abgabe der Gruppenlisten im Fanshop, danach Auslosung bis die Plätze weg sind. Sicherlich würde das einen gewissen Aufwand bedeuten, der in diesem Fall aber gerechtfertigt ist. Der eigene Fleck im Stadion ist eben kein Bratwurststand, den man mal eben von A nach B karrt. Oder besser gesagt von „Nord nach Süd“. Viele Fans haben sich bewusst für „ihre Ecke“ entschieden und sind entsprechend sauer, dass man sie verschiebt wie in einer Partie Monopoly. Aus Tradition anders ist hier höchstens der Umgang mit langjährigen Unterstützern.

Die überhöhten Preise und das schlechte Gesamtkonzept hätte ich dem SV Darmstadt 98 vielleicht noch verzeihen können, nicht jedoch die dilettantische Umsetzung. Der Umtausch selbst war eine bodenlose Frechheit, die in meinem Kopf bis dato zu Gedankenspielen führt meine Verwandtschaft bis Ende der Saison ins Stadion zu schicken und selbst bis auf Weiteres die nächste Sky-Kneipe zu besuchen. Der allergrößte Teil der Bevölkerung muss donnerstags um 12 Uhr (Start des Umtauschs) nämlich Arbeiten. Mittagpausen legt man nicht so mir nichts, dir nichts um, und Urlaub – wenn man ihn um die Jahreszeit noch hat – reicht man nicht so einfach ein. Und selbst wer sich die Zeit nehmen konnte (gute Plätze bekommt man ja bekanntlich am einfachsten als erster in der Schlange), wurde alles andere als professionell empfangen. Vor Ort kein Ausdruck des Bauplans in DINA0, auf dem die neue Tribüne im Kontext des Stadions abgebildet ist („Wo kann und will ich denn eigentlich hin“). Vor Ort keine Handzettel, Infotafeln oder zusätzliche Helfer, die eine Erklärung oder Hilfestellung geben (N1 = Familienblock und so…). Vor Ort einfach nichts, als wartende Lilienfans, die einen neuen Platz im Stadion finden wollten – oder besser gesagt: mussten.

Wir haben uns trotz des Ärgers am Ende dazu entschlossen unsere Karten aufzuwerten. Zumindest für die laufende Saison. Mit dem Kurzen (3J) in Block S2 war einfach keine Option. Allerdings nur, weil eine Freundin von uns das am Ende alles für uns übernommen hat (Danke, Danke, DANKE!). Die drei (!) Stunden Wartezeit, die sie dafür am Bölle verbracht hat, wären für uns mit den Abholzeiten der Kita nicht drinnen gewesen. Die neuen Dauerkarten stehen seitdem zuhause an gewohnter Stelle im Regal, wo ich sie jeden Tag beim Betreten der Wohnung sehe. Anders als sonst fehlt mir jedoch die emotionale Bindung dazu. Es prangt zwar das Wappen der 98er darauf, aber von „meinem Verein“ möchte ich zurzeit nicht sprechen. Eher von dem Konstrukt, in das sich mein Verein gerade wandelt. Mit „ehrlichem Fußball“, von dem bisher immer alle geschwärmt haben, hat das in meinem Augen alles reichlich wenig zu tun. Eher mit Bundesliga-Betrieb in jeder x-beliebigen Stadt dieser Republik. Wwrbung für Skechers und Potenzmittel, Stadion am besten bald in der Vorstadt und am Ende am besten noch mit Klatschpappen und und You’ll never walk alone wie in Mainz… Aus Tradition angepasst, dazu ziemlich viel Retorte, die man von anderen Vereinen kennt (Paderborn lässt grüßen). Das selbst gewählte Motto ist angesichts dieser Entwicklung nur noch eins: peinlich! Peinlich im Quadrat!

Am Ende des Tages stelle ich mir nur noch die Frage, ob es anderen genauso geht wie mir?

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